1981

„Aufruf
zum Gedächtnisgang am 10. November

Am 10. November 1938 trieben oldenburgische Angehörige der SA und SS deutsche Mitbürger jüdischer Religion und solche, die von den Nazis in dieser Stadt dazu gerechnet wurden, durch die Straßen der Stadt zum Landgerichtsgefängnis, von wo aus die meisten von ihnen den Leidensweg in die deutschen Vernichtungslager im Osten antraten.

Am 10. November 1918 konstituierte sich das deutsche Volk als eine demokratische Nation, die mit ihren Nachbarn in Frieden und Freund­schaft leben wollte.

Der 10. November ist daher für uns ein Tag der Mahnung und Hoffnung.

Ein Tag der Mahnung, weil das an den Juden begangene Verbrechen uns zeigt, daß der Rassismus eines der größten Übel unserer Zeit ist,

das zugleich unmittelbar den Frieden gefährdet. Es wird nicht dadurch geringer, daß zugleich mit den Juden auch andere verfolgt wurden

– wir erinnern an die Zigeuner – und daß der Rassismus heute noch offizielle Politik in Südafrika ist.

Ein Tag der Hoffnung, weil er nicht nur die Demokratie brachte, sondern auch die reale Möglichkeit, einen auf der Wahrung der Menschenrechte gegründeten Frieden zu schaffen. Wenn dieser Versuch, nicht zuletzt durch die Schuld deutscher Regierungen, auch letztlich gescheitert ist, so wirkte die damals geweckte Hoffnung doch bis heute fort, ja, sie wird auch in der Zukunft unser Handeln leiten.

Wir wollen den 10. November begehen, indem wir den Weg, den die Juden im Jahre 1938 durch die Stadt getrieben wurden, nachgehen und uns dabei darauf besinnen, daß

  • dauerhafter Friede nur auf der Wahrung der Menschenrechte gegründet sein kann;
  • die Menschenrechte ein allgemeines Prinzip sind, deren Verletzung, wo immer sie geschehe, uns unmittelbar angeht;
  • die Realisierung der Menschenrechte bei uns beginnt.

Wir verbinden unsere Erinnerung an das Judenpogrom von 1938 in Oldenburg mit unserem Protest gegen neuerliche Diffamierungen von Ausländern

und Minderheiten in unserem Staat. Die Erinnerung an das Judenpogrom sehen wir weiter als Verpflichtung an, jedem Abbau demokratischer Rechte und allen antidemokratischen Tendenzen hierzulande entgegen­zutreten.

‚Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.‘ (Jeremia 29,11)

Manfred Reck                                       Klaus Dede

V.i. S. d. PGes: K. Dede, Dersagauweg 37 2900 Oldenburg“

 

Etwa 30 Teilnehmer

Eine Anmerkung zur Bezeichnung des Gangs
So wie das gemeinte Ereignis – Pogromnacht, `Reichspogromnacht´, Novemberpogrome, `Reichskristallnacht´, Kristallnacht, Judenaktion – hat auch der Erinnerungsgang eine verwirrende Geschichte der Bezeichnungen: Bußgang, Gedächtnisgang, Judengang, Weg der Juden, Marsch der Juden, Judenmarsch, Juden-Marsch, Zug der Juden, Schweigegang, Schweigemarsch, Erinnerungsmarsch und schließlich Erinnerungsgang. Viele haben ihren guten Sinn, einige sind problematisch – „Erinnerungsgang“ erscheint uns angemessen.